Dieses Jahr hat mich ordentlich durchgeruckelt. Nicht alles war kumbaya, aber vieles war richtig toll.
Doch fangen wir von vorne an: 2025 startete magisch in Bristol – random, wunderschön, kulturell geprägt, fancy, aber doch cozy. Alles, was ich mag. Zurück in Deutschland fiel ich auf der Arbeit in ein Loch. Dann schwebte ich hoch und nochmal von vorne. Im Sales nennt man das Rollercoaster. Gesund war das nicht, aber es ging so viel ab, dass man das ganz leicht unter den Tisch kehrt. Im Frühling wurden die Tage draußen langsam länger und wärmer. Und ich kam ins Grübeln. Wie geht es weiter? Knapp ein Jahr war ich im Job und fühlte mich immer noch wie ein Fremdkörper. Die Euphorie war vorbei und die Zweifel wurden mehr.
Ich fing an, mich an mich selber zu erinnern. Und erinnerte mich, was mir wirklich wichtig ist. Und wer ich überhaupt bin. Was will ich vom Leben? Und bin ich überhaupt glücklich? Und das war ich nicht. Ich überlegte jeden Tag, was ich eigentlich machen möchte. Und wer ich sein will. Ich zerbrach mir den Kopf und verwarf jeden Tag meine Pläne von gestern – ich hatte jedes Szenario durch von Lidl Kassiererin, zum Auswandern nach Russland und ein Buch schreiben. Ich war verzweifelt. Aber ich wusste so kann es nicht weitergehen. Ich kann nicht jedes Wochenende saufen, es kann nicht sein, dass alles was mir wichtig ist – meine Kreativität komplett flöten geht und ich den ganzen Tag etwas tue von dem ich mein ganzes Leben gesagt habe, das will ich nicht – einen langweiligen Bürojob. Irgendwann wurde der Druck auf der Arbeit so hoch, und ich erkannte mich überhaupt nicht mehr wieder. Da beschloss ich relativ spontan, zu kündigen.
Mit einem halbgaren Plan und keinem neuen Job startete ich in den Sommer. Manche sagen, das war leichtsinnig. Unüberlegt. Naiv. Gefährlich. Ich sage, es war ein Befreiungsschlag. Mit leichtem Herzen und freiem Kopf begab ich mich abermals auf die Suche nach einem Platz für mich und fand eine neue Herausforderung als angehende Führungskraft bei IKEA. Ja, ganz genau, richtig gehört – ich bin eine IKEA-Maus. Das hätte ich auch niemals kommen sehen. Aber irgendwie macht es Sinn. Und es ist eine echte Herausforderung. In diese Position ohne Erfahrung reingeschmissen zu werden, ist crazy. Aber man wächst rein. Und noch nie in meinem Leben habe ich mich irgendwo so gewertschätzt gefühlt wie hier.
Es ist schön zu sehen, dass es wirklich kein Jahr gibt, wo ich stillstehe. Jedes Jahr wachse ich über mich hinaus. Und die Sprünge werden immer größer. Aber das wird jetzt keine Regel, dass ich jedes Jahr im Sommer meinen Job wechsle. Die ersten Monate bei IKEA waren turbulent. Und gefühlt war ich entweder arbeiten, auf Partys, unterwegs, im Sauerland oder habe geschlafen. Aber lange zu Hause war ich nie. Und es war toll. Es war lustig, aber es war auch sauanstrengend. Ich habe mich die letzten Monate gefühlt wie ein Hamster im Rad und nicht wie eine cozy Maus.
Von außen, glaube ich, sieht es so aus, als würde ich sehr gut klarkommen. Und das stimmt auch. Aber nicht, weil ich es kann, sondern weil ich es muss. Ich muss stark sein. Ich muss alles schaffen. Ich muss funktionieren. Nicht, weil ich so bin, sondern weil ich keine Alternative habe. Selbstverständlich wünsche ich mir eine Stütze im Leben, um den Alltag, die Höhen und Tiefen zu meistern. Aber bis das passiert, bin ich nun mal alleine. Es geht mir nicht um Mitleid, sondern mich nach langer Zeit verletzlich zu zeigen. In den letzten paar Jahren war mein Leben nach außen hin immer nur höher, steiler, weiter. Aber die Wahrheit ist, ich bin müde. Ganz früher habe ich mich immer verletzlich gezeigt. Da gab es nicht dieses Kumbaya, alles ist toll, sondern da gab es Melancholie, Traurigkeit, Selbstzweifel und Unsicherheit.
Aber es ist nicht entweder oder, es ist sowohl als auch. Es ist sowohl als auch, und das ist nicht schlimm. Seitdem ich auf diesem Hoch bin, habe ich mir sehr selten erlaubt, negative Gefühle zu fühlen. Ich dachte, das bin ich nicht mehr. Ich bin immer positiv. Es geht mir gut, und es geht mir auch gut. Aber es muss mir nicht immer gut gehen. Ich darf auch mal überfordert sein. Das macht meinen Fortschritt nicht kaputt. Denn meistens stimmt es auch, dass ich in einem tollen Space of Mind bin und mein Leben genieße und spüre. Aber ich darf mir auch erlauben, verletzlich zu sein. Ich muss nicht immer für alle stark sein. Sich das einzugestehen, ist hart für mich. Man ist schon so extrem in seinem Automatismus gefangen, dass eine Reflexion, was fühle ich wirklich, nicht mehr in den strikten Zeitplan passt. Vielleicht ist das ein Ziel fürs nächste Jahr, besser auf sich zu hören, weich zu sein und auch mal eine Pause zu machen.
Diese Zeilen – wie könnte es anders sein, schrieb ich schon vor einiger Zeit, an einem Punkt, wo ich körperlich und mental, wie ich schon sagte, sehr müde war.
Heute am siebten Januar, wo sich nun wirklich keiner mehr für meinen Jahresrückblick interessiert fühle ich mich schon wieder ganz anders. Viel mehr geerdet, aber diese Worte jetzt nochmal zu lesen, gibt mir die Erinnerung – Emi du darfst verletzlich sein, du musst nicht immer stark sein.
Seit mein Vater vor genau 5 Jahren verstorben ist, war ich immer stark. Besonders für Mama, aber auch für mich und für alle anderen um mich herum. Alle um mich herum meinten in der Zeit immer zu mir „Emilia du bist so stark“. Und ich habe mich immer über diesen Satz gewundert und gedacht, bin ich doch gar nicht. Aber ich war es, weil kaum ein Jemand wusste was in meinem Kopf passiert. Alle sahen nur das was von außen passiert und dann als bei mir ein Knoten geplatzt ist, eine innere Mauer durchbrochen, um mal in kitschigen Bildern zu sprechen, da ging es mir plötzlich immer besser und ich strotzte nur vor guter Laune – und da habe ich mir erst recht verboten Schwäche zu zeigen. Jetzt musste ich der Außenwelt immer präsentieren, dass ich mein Leben im Griff habe und alles …. Kumbaya ist.
Bis zu einem gewissen Grad stimmte das auch – nur nicht jeden Tag. Das so sagen zu können, kostet mich enorme Überwindung. Aber es ist sowohl als auch.
… und damit meine Mäuse, nach diesem ehrlichen Jahresrückblick, wünsche ich euch in 2026, dass ihr euch erlaubt verletzlich zu sein, denn was ist Verletzlichkeit? Letztendlich ist es Menschlichkeit.

